Honig aus Darmstadt: Zu Besuch bei Imker Stefan Fuchs | Wandelköpfe

Hinter einer wandelbaren Stadt stecken viele spannende Köpfe, die den Wandel vorantreiben, uns inspirieren und informieren. In der Kategorie Wandelköpfe stellen wir euch einige von ihnen vor – heute zum Beispiel den Imker Stefan Fuchs, den viele von seinen Ausflügen mit Lastenrad und Schaubeute kennen.

Eigentlich hat Steff, wie er vielen bekannt ist, mal den Beruf des Gärtners gelernt. Und ist dann in der Veranstaltungstechnik gelandet. Hat dort viele Auf- und Abbauten für große Events gemacht, Künstler quer durch Deutschland begleitet, hat jegliche europäische Großstädte gesehen und ist viel herumgekommen. Aber irgendwann war es ihm genug. Er erzählt von der Präsentation des neuen Transporters eines großen deutschen Automobilherstellers, die ausgerechnet in Lissabon stattfinden musste: “60 Lastwagen sind damals aus Deutschland nach Lissabon gefahren für dieses eintägige Event. Da kam ein ganzer Sattelzug nur mit Stühlen – das muss man sich mal vorstellen! Das hat mich irgendwann so genervt, ein Rädchen in einer Maschinerie zu sein, die ich selbst absolut bescheuert finde. Das war der Punkt, an dem ich Stopp gesagt habe. Ich will nur noch schöne Sachen machen.”

Stopp hieß Stopp. Als er 40 war, löste Stefan sein Unternehmen auf und nahm sich ein halbes Jahr Zeit, um sich neu zu orientieren. Schon in dieser Zeit hatten ihn zwei Dinge maßgeblich begleitet: Seine Yoga-Praxis (“Am Anfang eigentlich nur wegen meinem Rücken!”) und die Bienen. Bereits als er ein kleiner Junge war hatte ihm seine Mutter oft von ihren Besuchen bei den Bienenvölkern seiner Urgroßeltern erzählt und damit eine richtiggehende Faszination ausgelöst. Sein Leben lang war er immer wieder mit Imkern in Kontakt, kaufte Honig direkt von ihnen. Und machte nach seiner Auszeit schließlich nicht nur die Ausbildung zum Yogalehrer, sondern auch die zum Imker.

Das ist jetzt zehn Jahre her. Mittlerweile unterrichtet Stefan selbst junge Imker – und hat allein in seinem Garten in Kranichstein, wo wir ihn besuchen dürfen, 16 Bienenvölker stehen, plus 20 Völker von seinen Schülern. Weitere Völker hält er im Internationalen Garten, beim Bauverein, bei den Menschenskindern, im Wald und natürlich auf dem Oberfeld. Dazu kommen die Innenstadtbienen auf dem Darmstadtium, auf dem Henschel und im Landesmuseum.

Da kommt schon einiges zusammen: “Während der Monate Mai, Juni und Juli bin ich eigentlich den ganzen Tag mit den Bienen beschäftigt. Da muss ich jede Woche in jedem Volk nach dem Rechten sehen.” Die Kontrollbesuche bei den Bienenstöcken macht Stefan ausschließlich mit dem Fahrrad, die Standorte hat er danach ausgewählt, dass er alle in einem Radius von einer halben Stunde schnell erreichen kann. Das ist spätestens dann entscheidend, wenn mal wieder Bienen ausgeschwärmt sind, um neue Völker zu gründen. “Da bekomme ich immer schnell Anrufe, weil die Leute mich kennen”, freut sich Steff. “Dieses Jahr gab es zum Beispiel im Mai eine Kälteperiode, und ich habe schon die Unruhe bei den Bienen bemerkt. Die haben quasi nur auf diesen einen warmen Tag gewartet, um auszuschwärmen. Und tatsächlich bekam ich dann direkt drei, vier Anrufe, dass irgendwo ein Volk im Baum hängt.”

Stefan muss dann los und seine Bienen wieder einfangen. “Dann gibst du ihnen eine neue Kiste – und entweder sie bleiben da, oder sie ziehen weiter.” Mit der Sonnenwende endlich hört der Schwarmtrieb auf. Dann beginnt erst die eigentliche Arbeit.

„Bis jetzt, also bis Ende Juli, haben die Bienen für mich gearbeitet. Ab jetzt arbeite ich für sie: Ich muss sie auf den Winter vorbereiten. Dafür brauchen sie eine ausreichende Menge an Futter und eine gute Gesundheit.” Für das Futter hat Steff im Gemeinschaftsgarten in Kranichstein, wo er übrigens auch mit zehn Gleichgesinnten eine Permakultur betreibt, mit einer großen Bienenweide vorgesorgt. Dort blüht gerade der wilde Oregano, die Nachtkerzen haben sich kürzlich verabschiedet. Die Bienen finden hier alles, was sie brauchen.

Das Thema Gesundheit geht bei Bienen mit dem Thema Milben Hand in Hand. “Ein Befall von Varroa-Milben ist eigentlich immer da, aber es gibt eine gewisse Schadschwelle. Wenn die überschritten wird, muss man den Stock behandeln.” Da chemische Methoden für Steff nicht in Frage kommen (sein Honig entspricht den Bio-Regularien), bedeutet das meist, einzelne Waben und damit eine Vielzahl von Milben zu entfernen und dann zuzufüttern, damit die Bienen neue, unbefallene Waben bauen können. Wenn dann alles stimmt, kann er die Bienen entspannt in ihre Winterruhe entlassen. “Dann gehe ich nur noch einmal im Monat vorbei und kontrolliere alles.”

Den Bienen macht die Kälte im Winter übrigens nichts aus, im Gegenteil, eine konstante Kälte ist für sie besser als ein warmer, schwankender Winter. Sie ziehen sich dann zu einer Kugel um die Königin zusammen, wärmen sich gegenseitig und zehren von ihren Reserven. Das ist auch die Zeit, in der Steff sich mal eine Auszeit nehmen kann. Letztes Jahr zum Beispiel war er drei Monate im Yoga-Retreat in Schweden und dabei komplett von der Außenwelt abgeschirmt: “33 Tage Schweigen, kein Buch lesen, keine Ablenkung… das war toll, aber auch heftig. Und als in der letzten Woche im Aschram die Bienen aus den Stöcken vor meinem Fenster ausschwärmten, war ich froh, dass ich bald wieder zu Hause und bei meinen Bienen sein würde.”

Und der Honig?

Normalerweise gibt es jedes Jahr zwei Ernten: Die Frühjahrsernte, meist Ende Mai, ist dieses Jahr ausgefallen, weil es zu kalt war. Auch die Sommerernte Mitte Juli fiel eher mau aus – das bedeutet aber nur weniger Arbeit mit dem Honig, nicht weniger Arbeit mit den Bienen. Auch Teil der Realität: Ähnlich wie ein Landwirt ist Stefan bei seinen Erträgen von vielen anderen Faktoren abhängig als nur von seiner eigenen Arbeit. Umso besser, dass die Imkerei nur eins seiner Standbeine ist: Neben der Arbeit als Yoga-Lehrer und einzelnen Einsätzen als Coach und Mediator in der Gewaltfreien Kommunikation versteht sich Steff mittlerweile hauptsächlich als Bienen-Pädagoge. Die Honig-Ernte wird dabei fast zweitrangig, die Arbeit am Bien und mit Kindern ist für ihn viel wichtiger.

Dafür ist er zum Beispiel von der Freien Comeniusschule in Kranichstein angestellt und betreut dort die schuleigenen Bienen und die Bienen-AG. Auch an anderen Schulen unterstützt er die Lehrkräfte dabei, den Kindern den Umgang mit und die Bedeutung von Bienen näherzubringen. Und bei sich im Garten bietet er das Erleben von und Lernen mit Bienen an, etwa bei Imkerkursen für Kinder und den Kindergruppen des BUND.

Wenn ich merke, dass ein Kind aus einer Gruppe erst ganz vorsichtig und ängstlich ist, und sich dann im Laufe der Zeit immer weiter nach vorne traut – das macht mich glücklich.

Häufig setzt er dazu seine Schaubeute ein, wo ein Schaukastenvolk hinter Plexiglas lebt. So kann man die Bienen in Ruhe beobachten. Er zeigt die Königin, die farblich markiert ist, und legt den Finger auf die Sonnenterrasse, wo sich jetzt gerade fleißige Arbeiterinnen in der Abendsonne tummeln. “Da tut mir keiner was, von wegen aggressiv!”, sagt er. “Es gibt wirklich keinen Grund, Angst vor Bienen zu haben. Das letzte was die wollen, ist einen Menschen zu stechen. Gerade kleine Kinder lernen das bei mir sehr schnell; je größer sie werden, desto hysterischer werden sie oft.” Das hat natürlich auch oft mit dem zu tun, was ihre Eltern und andere Erwachsene ihnen vorleben.

Steff verrät mir einen Trick. “Wenn ich einen wütenden Wächter vor mir habe, mache ich zwei Sachen: Ich schließe die Augen und meinen Mund. Ich atme dann – wie beim Yoga – ganz ruhig durch die Nase. Und der Wächter haut ganz schnell wieder ab.” Das liegt daran, dass die Bienen den Kohlendioxid-Gehalt in der Luft messen können, erklärt er mir. “Der alte Feind der Biene ist der Bär, und der ist nur an der Nase zu attackieren. Darum werden Bienen zum Beispiel total wild, wenn sie in deinen Haaren hängen – dann fühlen sie sich wie gefangen im Fell des Bären, wo sie nichts mehr tun können. Nur an der Nase und an den Augen ist der empfindlich, und die finden sie durch das Kohlendioxid, das beim Ausatmen aus dem Mund kommt.” Also: Immer schön ruhig bleiben und durch die Nase atmen!

Zum Abschied erzählt Steff noch seine Lieblingsgeschichte, die er immer auch den Kindern in seinen Gruppen erzählt – über die Königin:

“Vor 300 oder 400 Jahren hat man festgestellt, dass in jedem Bienenvolk eine drin ist, die anders ist als die anderen. Damals hat man gesagt: “Ja, wir haben ja auch einen, der anders ist – das ist der König! Und es wurde 70 Jahre lang gelehrt: Im Bienenvolk ist ein König! Irgendwann hat dann einer entdeckt: “Huch, der König legt ja Eier!” Und plötzlich wurde aus dem König die Königin.”

Stefan grinst. “Und deshalb sag ich auch immer den Kindern: Glaubt nicht alles, was euch erzählt wird. 70 Jahre lang wurde vom Bienen-König gelehrt und dann alles revidiert. Und in 100 Jahren wird vielleicht auch das, was ich euch heute erzählt habe, überholt sein. Es ist wichtig, nicht aufzuhören, die Dinge zu hinterfragen.”

Honig aus Darmstadt

Mehr Infos:
Imker Stefan Fuchs
Aktuelle Veranstaltungen

Stefans Honig kann man im Weltladen Darmstadt, im Teehaus am Riegerplatz, auf dem Markt und direkt bei ihm im Garten kaufen.
Bei Bedarf liefert er auch.

Infos zu den Kinderkursen vom BUND findest du hier.