Von bösen Bauern und Gartendesignern: die Lebensweise Permakultur in Darmstadt

Wissenschaftler sind sich einig: Wir steuern auf eine humanitäre Katastrophe zu. Die Weltbevölkerung steigt rasant, pro Jahr kommen circa 83 Millionen Menschen dazu. Solch massive Veränderungen werden nicht ohne Auswirkungen bleiben. Unsere Kinder könnten in einer Welt aufwachsen, in der eine nie gekannte Ressourcenknappheit herrscht. Konkret: Zu wenig Wasser, zu wenig Nahrung.

Der Dokumentarfilm tomorrow hat sich mit dieser Problematik beschäftigt und einen fundierten Lösungsansatz erarbeitet. Neben alternativen Energiequellen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten haben sich die Produzenten auch intensiv mit dem Thema Landwirtschaft auseinandergesetzt, insbesondere mit der Permakultur. Abgeleitet von dem englischen Begriff permanent agriculture hat diese Art der Agrarökologie das Ziel, sich selbst erhaltende Ökosysteme zu erschaffen. Laut einer Studie des UN-Sonderbeauftragten Olivier de Schutter könnten sich dadurch die Erträge einer bewirtschafteten Fläche verdreifachen. Nahrungsknappheit ade? Wie sähe diese Theorie in der Praxis aus?

„Bauern müssen einfach immer mehr erwirtschaften, um das Geschäft lukrativ zu halten.“

Rainer Schellbach
Rainer Schellbach
Rainer Schellbach

Um das beurteilen zu können, muss erst einmal die jetzige Situation in Augenschein genommen werden. Wer denkt, dass herkömmliche Landwirtschaft nicht mehr existiert, liegt nämlich weit daneben. 70% unserer Lebensmittel werden nach wie vor von Kleinbauern angebaut. Dennoch herrscht unter den bestehenden Betrieben ein immenser Druck zu expandieren. „Sie müssen einfach immer mehr erwirtschaften um das Geschäft lukrativ zu halten“, urteilt Rainer Schellbach von der Kreisverwaltung Darmstadt. „Wenn der Marktpreis sinkt, müssen die Landwirte ihre Produktionskosten daran anpassen.“

der Endgegner Monokultur

Niedrigere Produktionskosten bedeuten weniger Arbeitskräfte, bedeuten mehr Technik. Darunter leiden nicht nur die kleinen Betriebe, sondern auch die Natur. Um riesige Flächen möglichst zeiteffizient bewirtschaften zu können, werden immer öfter Monokulturen angebaut. Dies ist besonders bei der Produktion von Fleisch, Baumwolle oder Kaffee zu beobachten – alles Teile unseres täglichen Konsums. Über Jahrzehnte hinweg werden dabei immer dieselben Nutzpflanzen angebaut, was eine unglaubliche Belastung für den Boden darstellt. Nur durch intensives Düngen können die Landwirte ihre Felder weiterhin bewirtschaften. Der unfruchtbare Boden führt wiederum zu schwachen, kränklichen Pflanzen, die durch giftige Pestizide vor Schädlingen geschützt werden müssen. Auf lange Sicht leidet darunter der Ertrag, was die stetig steigende Weltbevölkerung vor das bereits angesprochene Problem stellt.

Selbstversorgung ist aufwändig

Andreas Telkemeier, Permakultur Designer

Was also tun? Müssen wir jetzt alle die Gartenhandschuhe auspacken und aufs Land ziehen? Permakultur-Experte Andreas Telkemeier ist das lebende Beispiel, das nachhaltige Selbstversorgung auch als Stadtmensch funktioniert. Er beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit der Thematik und sucht unermüdlich nach neuen Alternativen. Auf seinem Balkon züchtet der angehende Permakultur-Designer Kräuter, Salate, Gurken und alles was man sonst noch so für den täglichen Gebrauch benötigt. Es war aber von Anfang an klar: das reicht nicht. „Als wir damals mit unserem Balkon Garten angefangen haben, wollten wir unseren Eigenbedarf an frischem Bio-Gemüse decken. So eine komplette Selbstversorgung ist aber extrem aufwändig.“ Laut dem Selbstversorger Blog Wurzelwerk braucht man für den ganzjährigen Eigenbedarf an Gemüse pauschal 160qm Fläche – für eine Person. Auf einem Balkon ist das schlecht realisierbar.

„Es kann nicht sein, dass alle mit dem Finger auf den bösen Bauern und seine Pestizide zeigen.”

Andreas Telkemeier

Andreas und seine Familie haben sich dann entschieden, Mitglied einer solidarischen Landwirtschaft zu werden. Die SoLaWi Darmstadt ist eine Kooperation von Haushalten mit einem landwirtschaftlichen Betrieb der Region (in diesem Artikel stellen wir SoLaWi Darmstadt genauer vor). Das hat Vorteile für beide Seiten: „Wir haben Mitspracherecht über den Anbau, unterstützen regionale Bauern und fühlen uns vor allem als Teil einer Gemeinschaft“, erklärt der 37-jährige Familienvater. Gleichzeitig hat der Landwirt durch diese Zusammenarbeit eine höhere Planungssicherheit und ist nicht mehr finanziell von großen Konzernen abhängig. Denen möchte Andreas Telkemeier die Stirn bieten: „Es kann nicht sein, dass alle mit dem Finger auf den bösen Bauern und seine Pestizide zeigen, wenn wir das eigentlich durch unseren Konsum unterstützen.“

Seine eigenen Bedürfnisse kennen

Aber wie sähe das denn nun aus, wenn man alles in Eigenarbeit leistet? Das Prinzip der Permakultur basiert darauf, ökologische Kreisläufe der Natur in die traditionelle Landwirtschaft zu integrieren. Keine Chemie, keine Monokultur, keine großen Maschinen. Stattdessen wird auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche eine Vielzahl an Pflanzen angebaut, die sich gegenseitig positiv beeinflussen. Der intensive Geruch von Basilikum hält beispielsweise Ungeziefer fern, während Tomaten Schatten für kleinere Pflanzen spenden.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Permakultur: die Zonierung. Zone Null stellt dabei den Menschen selbst und seine Bedürfnisse dar. Welchen Anspruch habe ich? Wie viel Geld und Zeit kann ich investieren? Zone Zwei bis Sechs erstreckt sich dann über Bereiche der intensiven Pflege, wie ein Küchen- oder Gemüsegarten, bis hin zu Bereichen mit wenig Pflegebedarf, wie Obst- oder Nussbäume. So kann man sich seine Ressourcen aufteilen und an seine eigenen Bedürfnisse anpassen. Für den nine to five Jobber wäre ein Waldgarten beispielsweise die perfekte Lösung: Auf der unteren Ebene können Kräuter geerntet werden, auf der nächsten wachsen Sträucher und darüber thront ein Nutzbaum, der Schatten und Witterungsschutz spendet. Ein solches in sich geschlossenes System braucht nur wenig Pflege, weil die verschiedenen Kompartimente eine gegenseitige Symbiose eingehen. Möchte man hingegen mehr Zeit investieren, ist ein Gemüsegarten genau das Richtige.

Permakultur: eine facettenreiche Lebensweise

Alexandra Wallner, Ernährungswissenschaftlerin

Man merkt: Permakultur bedeutet Vielfalt. Es ist keine festgefahrene Ideologie, es gibt nicht das eine non plus ultra. Es ist eine Lebensweise, die genauso facettenreich ist wie der Mensch, der sie praktiziert. Sie muss ebenso an ihn angepasst werden, wie an das Stück Land das bewirtschaftet werden soll. Dieser Austausch ermöglicht ein Ergebnis, von dem wir in der heutigen Zeit nur träumen können: Theoretisch könnten wir durch die Permakultur in den nächsten 20 Jahren 10-20 Milliarden Menschen ernähren.

Dafür müssten weltweit Millionen von urbanen Bauernhöfen geschaffen werden, aus denen wiederum Millionen von Arbeitsplätzen entstünden. Ökosysteme würden wiederbelebt, die schädliches CO2 im Boden speichern. Ernährungswissenschaftlerin Alexandra Wallner ist sich sicher, dass auch die Gesundheit davon profitieren würde: „In dem Moment, wo man wieder vermehrt selbst anbaut und zubereitet – und auch wieder mehr wertschätzt – würden sich Krankheiten wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck deutlich reduzieren. Die Menschen würden sich von frischen Lebensmitteln ernähren und die Gesundheit würde im Allgemeinen positiv beeinflusst.“

Was fehlt ist der Schritt in die richtige Richtung. Ob Fridays for Future oder Bauerndemos vor dem Reichstag – der Wunsch nach der Wende ist da und er wird von Millionen von Stimmen getragen. Wer weiß, vielleicht geht’s ja an diesem Wochenende mal in einen Gemeinschaftsgarten anstatt zum Supermarkt. Die Möglichkeiten sind endlos. Die letzte und wichtigste Frage ist: Worauf warten wir noch?

Ansprechpartner

Kreisverwaltung Darmstadt-Dieburg: Rainer Schellbach
Permakultur Darmstadt: Andreas Telkemeier
Ernährungsberatung: Alexandra Wallner

WEITERE INFORMATIONEN
Solidarische Landwirtschaft Darmstadt: SoLaWi Darmstadt
Dokumentation: Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen

2 Kommentare zu „Von bösen Bauern und Gartendesignern: die Lebensweise Permakultur in Darmstadt“

  1. Vielen Dank für diesen umfassend recherchierten Beitrag. Er hat mir den Anstoß gegeben, mich nach der nächsten SoLawi in meiner Nähe zu erkundigen und meine Möglichkeiten in Sachen Permakultur nochmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Es braucht immer wieder solche guten Beiträge, um in die Puschen zu kommen . Danke !

    1. Liebe Roberta,
      das freut uns natürlich total zu lesen. Genau aus diesem Grund gibt es uns – um immer mal wieder an Optionen und Möglichkeiten zu erinnern, das eigene Leben nachhaltiger zu gestalten. Es gibt so viele tolle Ideen, Initiativen und Projekte in Darmstadt, die noch viel bekannter werden sollten! Daher finden wir es toll, wenn du durch uns “in die Puschen” kommst 🙂
      Ganz liebe Grüße und viel Erfolg mit deinem Vorhaben!
      Lisa und das Team von WaDa!

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